Beschreibung

Frühkindlicher Autismus ist eine schwere Entwicklungsstörung, die sich bei Kindern meist innerhalb der ersten drei Lebensjahre bemerkbar macht. Der Kontakt zu den Eltern und anderen Menschen ist durch die autistische Erkrankung beeinträchtigt: Autistische Kinder ziehen sich in ihre eigene Gedankenwelt zurück, vermeiden menschliche Nähe und reagieren nur eingeschränkt auf Gefühle, die andere ihnen entgegen bringen. Häufig geht Autismus mit geistiger Behinderung und einer gestörten Sprachentwicklung einher.

 

In Deutschland erkranken etwa zwei von tausend Kindern an frühkindlichem Autismus. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen.Mediziner bezeichnen frühkindlichen Autismus auch als Kanner-Syndrom, infantilen Autismus oder frühkindliche Psychose.


Frühkindlicher Autismus - Ursachen

Dr. Elke Thomazo
Fabian Seyfried

Die Ursache des frühkindlichen Autismus ist unklar. Da die Störung in einigen Familien gehäuft auftritt, spielen genetische Veränderungen womöglich eine Rolle. Möglicherweise kommt es dadurch zu einer Veränderung der Botenstoffe im Gehirn.

Eine umfangreiche Studie des Children's Hospital of Philadelphia mit mehr als 10.000 Menschen fand eine einzelne genetische Variante, die bei 65 Prozent der autistischen Teilnehmer vorkam. Der Gen-Abschnitt zwischen den Genen CDH10 und CDH9 spielt bei der Verknüpfung von Nervenzellen im Gehirn eine Rolle. Etwa 15 Prozent der Fälle von Autismus könnten auf diese Gen-Variante zurückzuführen sein, so die Studienleiter.

Ein Zusammenhang von Autismus mit Impfungen oder bestimmten Konservierungsstoffen in Impfstoffen konnte nicht belegt werden.


Frühkindlicher Autismus - Symptome

Dr. Elke Thomazo
Fabian Seyfried

Frühkindlicher Autismus zeichnet sich durch einen Rückzug in die eigene Gedankenwelt aus. Betroffene Kinder vermeiden den Kontakt zu Eltern, Geschwistern und anderen Menschen oder beschränken ihn auf das Nötigste.


Gefühle schwer zu deuten

Vor allem Eltern leiden häufig unter der vermeintlichen Gefühlskälte ihrer autistischen Kinder: Der Nachwuchs stellt keinen Blickkontakt zur Mutter her, reagiert kaum auf Fröhlichkeit oder Wut und zeigt häufig keine Anteilnahme. Umgekehrt scheint den Kindern auch Lob und Zuwendung der Eltern wenig zu bedeuten. In Studien schnitten Menschen mit frühkindlichem Autismus deutlich schlechter ab als Gesunde, wenn sie Gesichtsausdrücke einem Gefühl zuordnen sollten - Zorn, Mitleid oder auch Freude erahnten sie nicht intuitiv, sondern leiteten sie anhand erlernter Erkennungsmerkmale (Muskelbewegungen, Falten) ab.


Gestörte Sprachentwicklung

Frühkindlicher Autismus beeinträchtigt viele Kinder in ihrer Sprachentwicklung. Sie können sich kaum artikulieren oder ihre Wortwahl ist eingeschränkt. Mitunter geben sie Wörtern neue Bedeutungen oder sagen beispielsweise „du“, wenn sie „ich“ meinen. Wenn sie sprechen, unterstützen die Kinder das Gesagte nur in geringem Maße mit einer passenden Mimik und Gestik. Auch eine monotone Tonlage - ohne Höhen und Tiefen - ist typisch für die Sprache bei frühkindlichem Autismus.

Autistische Kinder neigen dazu, Sätze etliche Male zu wiederholen. Solche repetitiven Handlungen - Stereotypien genannt - treten auch in anderen Bereichen auf: Das Spiel mit drehenden Rädern, Fahnen und den eigenen Händen folgt dann immer dem gleichen Muster, Gegenstände werden exzessiv gesammelt und nach ihrer Größe angeordnet. Wenn andere Menschen diese Rituale unterbrechen, entsteht bei den Kindern häufig extreme Angst und Unruhe.


Verminderte Intelligenz

Schätzungsweise 75 Prozent der an frühkindlichem Austismus erkrankten Kinder weisen eine Intelligenzminderung auf. Sie lässt sich mit altersgemäßen Intelligenztests messen. Außergewöhnliche Inselbegabungen - beispielsweise ein fotografisches Gedächtnis oder ein mathematisches Genie - sind für den frühkindlichen Autismus untypisch. Solche "Savants" gibt es häufiger unter Patienten mit einem Asperger-Syndrom. Frühkindlicher Autismus führt jedoch bei einigen Kindern zu einem übersteigerten Interesse an bestimmten Dingen, zum Beispiel geometrischen Formen.


Weitere Symptome

Zusätzlich können verschiedene unspezifische Symptome auftreten. Einige Kinder reagieren ängstlich und wütend auf Veränderungen in ihrer Umwelt, weigern sich, bestimmte Kleidung anzuziehen oder lachen ohne ersichtlichen Grund. Mitunter schätzen sie alltägliche Gefahren wie den Autoverkehr falsch ein. Auch selbstverletzendes Verhalten kann bei autistischen Kindern auftreten. Besonders Säuglinge haben zum Teil Probleme beim Essen und Schlafen.


Symptome erkennen

Der Arzt stellt die Diagnose "frühkindlicher Autismus" anhand der charakteristischen Symptome. Es müssen immer mehrere Merkmale aus verschiedenen Feldern zutreffen: Sozialverhalten, Sprache, Intelligenz und Motorik. In Gesprächen mit den Eltern fragt der Mediziner nach den Symptomen, außerdem beobachtet er das Verhalten des Kindes:

  • · Stellt es beispielsweise Blickkontakt her, wenn es angesprochen wird?
  • · Wie geht es mit bereitgestelltem Spielzeug um?
  • Die Verhaltensbeobachtungen sollten mehrfach wiederholt werden und sowohl im gewohnten Umfeld des Kindes als auch in einer Kindergruppe erfolgen.

Eine Beurteilung der Intelligenz erfolgt mit Hilfe von Tests, die dem Alter des Kindes angepasst sind. Ab dem fünften Lebensjahr kann auch ein Elektroenzephalogramm (EEG) angefertigt werden, mit dem sich verschiedene Unregelmäßigkeiten im Gehirn feststellen lassen. Mittels EEG stellt der Arzt auch eine mögliche Epilepsie fest, die bei etwa 30 Prozent der Autismus-Patienten als Begleiterkrankung auftritt.


Andere Erkrankungen ausschließen

Es ist wichtig, den frühkindlichen Autismus gegenüber anderen Entwicklungsstörungen mit ähnlichen Symptomen abzugrenzen (Differenzialdiagnose). Auszuschließen sind andere Erkrankungen aus dem autistischen Spektrum (Asperger-Syndrom, atypischer Autismus) sowie das Rett-Syndrom. Diese Störung kommt fast ausschließlich bei Mädchen vor. Es treten viele autistische Symptome auf und zusätzlich verlernen die Betroffenen bereits erworbene Fähigkeiten wieder.

Isolierte Sprachentwicklungsstörungen, Seh- und Hörstörungen, Down-Syndrom, ADHS und schizophrene Störungen können unter Umständen irrtümlich für frühkindlichen Autismus gehalten werden. Einige der Erkrankungen können jedoch auch zusätzlich auftreten. Knapp die Hälfte der Kinder mit Autismus leidet beispielsweise auch an ADHS, viele zeigen Ticstörungen. Zur Abgrenzung führt der behandelnde Arzt körperliche, neurologisch-psychiatrische sowie psychologische Untersuchungen durch.

Standardisierte Fragebögen und Tests, die speziell für den frühkindlichen Autismus entwickelt wurden, erleichtern die Diagnose. Gebräuchlich sind

ADI-R und ADOS-G:

  • · Autism Diagnostic Interview-Revised (ADI-R): Der Test hilft bei der Diagnose von Autismus sowohl bei Kindern ab 18 Monaten als auch bei Erwachsenen. Die Entwickler orientierten sich dabei an den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) und der US-amerikanischen Klassifikation DSM-V.
  • · Autism Diagnostic Observation Schedule-Generic (ADOS-G): Der Schwerpunkt des ADOS-G liegt auf der Beobachtung des sozialen Verhaltens und der Kommunikation. Bei dieser Methode wählt der Arzt Tests und Fragen nach Alter des Patienten aus, sie ist daher ebenfalls sowohl für Kleinkinder als auch Erwachsene geeignet.

Frühkindlicher Autismus - Therapie               zurück

Dr. Elke Thomazo
Fabian Seyfried

Frühkindlicher Autismus lässt sich bislang nicht ursächlich behandeln. Daher besteht das wesentliche Ziel einer Therapie darin, die sozialen und kommunikativen Fertigkeiten der Kinder zu verbessern und die Eltern zu unterstützen. Die Behandlung ist am erfolgreichsten, wenn sie möglichst früh beginnt und über einen längeren Zeitraum durchgehalten wird


Therapieschwerpunkte

Frühkindlicher Autismus kann im familiären Umfeld, teilstationär oder vollstationär behandelt werden. Experten bevorzugen den teilstationären Ansatz - eine Mischung aus Therapiemaßnahmen zu Hause und in spezialisierten Einrichtungen. Hier kann das Kind neue Verhaltensweisen alleine oder in der Gruppe mit der Familie und anderen Kindern trainieren.

Grundsätzlich lassen sich verschiedene Therapieschwerpunkte unterscheiden:

  • · Soziale Kompetenz und Kommunikation: Verhaltenstherapeutische Techniken, beispielsweise Rollenspiele und Kontakt mit normalen Kindergruppen, können die sozialen Fertigkeiten verbessern und Stereotypien abbauen. Bewährte Konzepte sind das Lovaas-Programm und die Applied Behavior Analysis (ABA).
  • · Selbstständigkeit: Um im Alltag besser zurechtzukommen, lernen Menschen mit frühkindlichem Autismus in Spielen und durch Belohnung, ihre Wahrnehmung auf die wichtigen Informationen zu lenken. Dadurch verstehen sie ihre Umwelt besser und die Angst vor Veränderungen nimmt ab. Empfehlenswert ist das Konzept TEACCH (Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children).
  • · Selbstkontrolle und Theory of Mind: Diese Therapieprogramme versuchen, soweit wie möglich, das Kind oder den Jugendlichen auf Unterschiede zwischen den eigenen Gedanken und dem Umfeld aufmerksam zu machen. Sie sollen außerdem ein Verständnis für die Gefühle anderer Menschen vermitteln. Die sogenannte kognitive Verhaltensmodifikation fördert zudem die Kontaktfähigkeit.
  • · Sprachfähigkeit: Ein Sprachtraining (Logopädie) kann die soziale Bedeutung sprachlicher Elemente erklären und das Sprachverständnis sowie das aktive Sprechen fördern. Es sollte allerdings vor dem achten Lebensjahr beginnen, da die Erfolgsaussichten mit dem Alter sinken.
Zusätzlich zu diesen Techniken profitieren einige Kinder mit frühkindlichem Autismus von Krankengymnastik, Musik- und Reittherapie.
 

Familie ist wichtig

Eltern und Familie spielen eine zentrale Rolle in der Behandlung von Kindern mit frühkindlichem Autismus. Eine ausführliche Beratung und ein Elterntraining oder eine Familientherapie sind daher sehr wichtig, um die Kinder auch außerhalb der Schulungen zu unterstützen.

Medikamente dienen bei der Therapie des frühkindlichen Autismus nur dazu, Begleiterscheinungen zu behandeln, zum Beispiel Hyperaktivität. Bei Aggressivität gegen sich und andere können atypische Neuroleptika helfen. Leidet das Kind unter epileptischen Anfällen, sind unter Umständen Antiepileptika sinnvoll.

Der Erfolg der Therapien stellt sich in der Regel nur nach und nach ein. Viele Betroffene und ihre Angehörige interessieren sich auch für alternative Maßnahmen, deren Wirksamkeit jedoch nicht bewiesen ist und die teilweise umstritten sind.

    Psychodynamische, aufdeckende Therapie: Suche nach pathogenen Erziehungseinflüssen und mangelnder Eltern-Kind-Beziehung führt zu Schuldzuweisungen

  • Haltetherapie: Festhalten des Kindes, um dessen Widerstand zu brechen
  • Hörtraining nach Tomatis
  • Training nach Delacato
  • Skotopisches Sensitivitätstraining
  • Tiertherapie (u.a. Delphine)
  • Gestützte Kommunikation
  • Gabe von hochdosierten Vitaminen (wie Vitamin B), Sekretin oder Spurenelementen

Frühkindlicher Autismus - Prognose

Dr. Elke Thomazo
Fabian Seyfried

Frühkindlicher Autismus bleibt das gesamte Leben lang bestehen - eine Heilung gibt es bislang nicht. Durch die Therapien lassen sich jedoch einzelne Symptome kontrollieren und häufig eine größere Selbstständigkeit erreichen. Frühkindliche Symptome gehen bei einigen Betroffenen mit dem Älterwerden zurück, in der Pubertät steigt unter Umständen jedoch die Aggressivität gegenüber sich selbst und anderen.

Die Therapie des frühkindlichen Autismus ist zeitintensiv und Erfolge stellen sich nur langsam ein. Das liegt zum einen an der Schwere der Erkrankung. Zum anderen verspüren die Patienten in der Regel nur eine geringe eigene Motivation, die Behandlung durchzuführen.

Menschen mit frühkindlichem Autismus zeigen oft auch eine verminderte Intelligenz. Daher benötigen Erkrankte häufig zeitlebens ein mehr oder weniger großes Maß an Betreuung.


Frühkindlicher Autismus - Tipps

Dr. Elke Thomazo
Fabian Seyfried

Eltern und andere Betreuungspersonen von Kindern mit frühkindlichem Autismus sind auf Unterstützung angewiesen. Neben Selbsthilfeorganisationen, zum Beispiel Autismus Deutschland e.V. (www.autismus.de), gibt es in vielen Bundesländern unterstützende Netzwerke von Lehrern und auf Autismus spezialisierten Therapiezentren. Die meisten autistischen Kinder werden in ihren Familien betreut, zum Teil mit ambulanter Unterstützung. Im Einzelfall kann auch eine (vorübergehende) Unterbringung in Vollzeiteinrichtungen, beispielsweise Kinderdörfern oder Kinderheimen, nötig sein.

Finanzielle Unterstützung und Sachmittel erhalten die Kinder und Familien insbesondere über einen Schwerbehindertenausweis und Sozialhilfe nach den Regelungen des Sozialgesetzbuchs (SGB XII). Bei frühkindlichem Autismus liegt der Grad der Behinderung (GdB) bei mindestens 50, oft aber bei 100 Prozent, abhängig vom Gutachten des Arztes.


Kindergarten

Häufig kann ein Kind mit frühkindlichem Autismus in einer Kindertagesstätte untergebracht werden. Dabei ist es von Vorteil, wenn die Betreuer mit der Erkrankung vertraut sind und der Kindergarten kleine Gruppen sowie Rückzugsmöglichkeiten für das Kind anbietet.

Die neue Umgebung ist für die erkrankten Kinder mitunter ängstigend. Eltern können dem begegnen, indem sie die Zeit, die ihr Nachwuchs im Kindergarten verbringt schrittweise erhöhen und am Anfang bei ihm bleiben.


Schule

Der Alltag an einer Schule ist für Kinder mit frühkindlichem Autismus eine wichtige Erfahrung, da sich hier viele Entwicklungs- und Kontaktmöglichkeiten ergeben. Bei leichten Formen von Autismus können die Betroffenen Regelschulen mit integrativem Unterricht besuchen. Förderschulen werden bei schwereren Formen wie dem frühkindlichen Autismus empfohlen.


Arbeit

Mit der Volljährigkeit können Menschen mit frühkindlichem Autismus eine Grundsicherung beantragen, die ihren Lebensunterhalt deckt. Je nachdem, wie schwer die autistische Störung ausgeprägt ist, kommt auch eine geregelte Arbeit infrage, zum Beispiel in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM).

 

Auszüge aus www.netdoctor.de

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